Anno 1800 im Test

Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer…

Mit Anno 1800 meldet sich ein großer Name im Genre der Aufbaustrategiespiele zurück. Die letzten beiden Serienteile waren in Zukunftsszenarien angesiedelt, doch Anno 1800 orientiert sich wieder an der Vergangenheit – und das nicht nur in Bezug auf seine Namensgebung. Macht es aber auch zum mittlerweile siebenten Mal in der Seriengeschichte noch Spaß, ein Inselimperium zu gründen?

Wir beginnen diesen Test mit einem Fakt aus dem Bereich „unnötiges Wissen“: Die Quersumme aus den Zahlen im Titel jedes Anno Serienteils bildet die Zahl neun. Ich wusste das nicht, habe aber nachgerechnet und es stimmt tatsächlich. Was ich aber noch wusste war, wie die ersten Schritte für den Aufbau einer Siedlung in einem Anno ablaufen und hier hat sich auch in Anno 1800 nichts geändert. Mit dem Schiff segle ich zu einer Insel und baue ein Kontor an der Küste auf. Erste Hütten müssen errichtet werden, damit die Fischer irgendwo wohnen können. Ein Holzfällerlager versorgt das Sägewerk, damit Bretter für den Aufbau weiterer Gebäude verfügbar sind. Noch nicht vorhandene Ressourcen kommen auf die Einkaufsliste, für den Fall, dass ein Handelsschiff am Kontor Halt macht. Für jemanden, der schon einmal einen Anno Serienteil gespielt hat, dauert es nicht lange, um wieder in den altbekannten Spielfluss zu finden.

Wer hingegen noch nie mit Anno in Berührung gekommen ist, wird von Anno 1800 aber nicht alleine gelassen, denn es gibt eine Kampagne, die wichtige Spielfunktionen nach und nach abhandelt. Das Ganze ist in eine Story um eine Familienfehde voller Verschwörungen eingebunden. Diese Geschichte ist ein bisschen wie ein betrunkener Partygast – anfangs noch irgendwie unterhaltsam, nur eben nicht ganz ernstzunehmen, mit zunehmendem Fortschritt aber immer absurder und am besten nicht zu hinterfragen, bevor sie ein abruptes Ende nimmt. Es fällt mir aber schwer, Anno 1800 seine Story anzukreiden, weil ich nie auf die Idee käme, ein Anno wegen seiner Story zu spielen – wer packende Dramaturgie sucht, wird in anderen Genres besser bedient. Als Einstiegspunkt in den grundsätzlichen Spielablauf erfüllt die Kampagne in Anno 1800 aber durchaus ihren Zweck.

Das Herz von Anno liegt traditionsgemäß im Endlosspiel-Modus, der im Vorfeld beliebig definiert werden kann und alle spielerischen Möglichkeiten zur Entwicklung eines Inselimperiums bietet. Hier wird recht schnell klar, dass dem Entwicklerstudio Blue Byte mit Anno 1800 zwei wesentliche Dinge gelingen – eine ausgewogene Spielbalance und gleichzeitig eine Besinnung auf altbewährte Spielmechaniken, angereichert durch neue Aspekte.

Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung der Bevölkerung, die sich in fünf unterschiedliche Gruppen unterteilt. Bauern verstehen unter Luxusgütern eine ausreichende Versorgung mit Schnaps, während Handwerker schon nach Nähmaschinen verlangen und die höchste Entwicklungsstufe, die Investoren, an Grammofonen Gefallen finden. Der Zeitpunkt der Entwicklung einzelner Siedlungen wird nun nicht mehr bei ausreichend gedeckten Bedürfnissen automatisch vom Spiel vorgenommen, sondern kann selbst bestimmt werden. Was nach einer relativ kleinen Änderung klingt, hat starke Auswirkungen auf den Ablauf der gesamten Produktionskette einer Insel. Gibt es zu wenig arbeitende Bauern, stehen Betriebe still, die für die Versorgung weiterverarbeitender Betriebe essentiell sind – im Klartext: ohne Bauern gibt es auch keine Grammofone für die Investoren.

Die Balance für eine konstante Bevölkerungsentwicklung zu finden, stellt eine spielentscheidende Herausforderung dar und es macht Spaß, einzelne Stadtteile selbst zu modellieren. Die Mühen, die es in Kauf nimmt, zufriedene Investoren auf der Insel zu beheimaten, lohnen sich – zwar arbeiten Investoren nicht, sie zahlen aber hohe Steuersätze und erzeugen Einflusspunkte. Diese lassen sich beispielsweise dafür nutzen, in der lokalen Zeitung kritische Artikel zu „korrigieren“. Aus einem kritischen Bericht, der zu Unmut in der Bevölkerung führen würde wird dann ein unkritischer Bericht, der weniger Auswirkungen hat – Pressefreiheit und lukrative Stadtentwicklung lassen sich eben nicht immer miteinander vereinbaren.

Anno 1800 unterteilt seine Spielwelt in die Neue Welt und die Alte Welt. Während in der Alten Welt bereits die ersten Schienen für die Eisenbahn verlegt werden, ist das Leben in der Neuen Welt noch um einiges simpler. Das macht sich auch im Spielablauf bemerkbar – hier gibt es nur zwei verschiedene Bevölkerungsstufen. Die Neue Welt bietet aber Ressourcen, die in der Alten Welt nicht vorhanden sind, weshalb ein konstanter Wechsel zwischen beiden Kontinenten nötig ist, um Synergien zu fördern und eine ideale Entwicklung zu gewährleisten. Dieser Wechsel zwischen beiden Welten kann per Klick und ohne Ladezeiten vorgenommen werden und fügt sich recht schnell in das Spielgeschehen ein. Übermäßiges Micromanagement ist nicht nötig, weil sich konstante Handelsrouten zwischen beiden Welten einrichten lassen.

Schiffe können aber nicht nur zwischen den beiden Kontinenten hin und her reisen, sondern auch auf Expeditionen in unbekannte Gefilde geschickt werden. Kritische Situationen der Expedition hebt Anno 1800 wie in einem Textadventure hervor. Soll ein feindliches Schiff direkt angegriffen oder doch lieber der Versuch gewagt werden, unbemerkt daran vorbei zu kommen? Derartige Entscheidungen wirken sich auf den weiteren Fortgang der Expedition aus. Eine erfolgreiche Expedition kann sich aber sehr lohnen – beispielsweise können neue Tierarten entdeckt und direkt im Zoo auf der eigenen Insel untergebracht werden, um die Zufriedenheit in der Bevölkerung zu steigern.

Neben Expeditionen gibt es auch kleine Nebenaufgaben, die ziemlich absurd wirken können. Eine Dame bittet beispielsweise darum, einen passenden Lebensgefährten für sie zu suchen und in bester Wimmelbild-Manier müssen Einwohner auf der Insel durchgeklickt werden, bis irgendwann ein geeigneter Partner für die Dame dabei ist. Diese Aufgaben sind meistens ziemlich anspruchslos und spaßfrei, bringen aber manchmal durchaus lukrative Belohnungen mit sich.

Eine weitere Neuerung betrifft die Kriegsführung, denn es gibt nun keine Kämpfe mehr an Land. Sämtliche militärische Konflikte werden mittels Schiffen ausgetragen und gegnerische Inseln gelten als erobert, sobald die jeweiligen Hafengebäude zerstört wurden. Der taktische Tiefgang von Seeschlachten mit gegnerischen Flotten gestaltet sich eher flach – in den meisten Fällen siegt einfach die Kriegspartei mit den höheren Reserven an Ressourcen. Auch diplomatische Verhandlungen verlaufen nicht immer logisch und in vielen Fällen ist es günstiger, einen angeschlagenen Gegner militärisch zu vernichten weil die für einen Friedensvertrag verlangten Geldsummen viel zu hoch sind. Wer großen Wert auf den militärischen oder diplomatischen Bereich legt, könnte hier enttäuscht werden.

Fazit

Die einzelnen Spielmechaniken in Anno 1800 sind unglaublich stimmig miteinander verbunden und fügen sich wie Zahnräder zu einem präzisen Uhrwerk zusammen. Ein Uhrwerk, das bei mir seine volle Wirkung entfaltet hat, nur dass es mir die Zeit nicht angezeigt, sondern genommen hat. Hier noch das Straßennetz optimieren, dort noch die Produktionskette für Stahl verbessern und schon schon fragt mich das Spiel, ob ich nicht einen Kaffee trinken möchte, weil ich bereits seit zwei Stunden spiele – ich hätte die Zeit auf 15 Minuten geschätzt. Dabei will ich doch noch ein Schiff auf Expedition schicken und eine weitere Handelsroute einrichten.

Ja, Anno 1800 hat eine eigenwillige Story in der Kampagne und die kleinen Nebenaufgaben können monoton werden, aber all das ist vergessen, wenn ich einfach nur die stimmungsvolle Musik höre, in mein Stadtzentrum hinein zoome und mir ansehe, wie die einzelnen Einwohner ihrem Alltagsleben nachgehen. In solchen Momenten präsentiert sich das Spiel mit einer Gelassenheit, die direkt entspannend wirkt – zumindest bis mir der nächste Makel in einer Produktionskette auffällt und ich mir neue Gedanken zur Optimierung machen muss.

Anno 1800 ist im Herzen ein klassisches Anno und das ist ein großes Kompliment. Blue Byte ist es gelungen, einzelne Spielmechaniken an genau den richtigen Stellen zu optimieren. Der bereits jetzt gebotene Umfang über die Kampagne zum Endlosspiel- bis hin zum Multiplayer-Modus ist enorm. Egal ob Neueinsteiger oder Serienveteranen – wer an Aufbaustrategie interessiert ist, wird in absehbarer Zeit nicht an Anno 1800 vorbei kommen.


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Hinweis: Ubisoft war so freundlich, uns für diesen Beitrag ein Testmuster des Spiels zur Verfügung zu stellen.

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